Viele Hunde zeigen bereits in jungen Jahren Auffälligkeiten im Bewegungsablauf, Schwierigkeiten beim Training oder Verhaltensänderungen, deren Ursachen oft nicht sofort erkannt werden. Während Hüftdysplasie, Arthrosen oder Bandscheibenerkrankungen vielen Hundehaltern bekannt sind, bleibt ein wichtiger Bereich häufig unbeachtet: der Übergang zwischen Lendenwirbelsäule und Kreuzbein. Anatomische Besonderheiten wie sogenannte Übergangswirbel können die Biomechanik des gesamten Körpers beeinflussen und langfristig zu Schmerzen, Fehlbelastungen und Folgeerkrankungen führen.
In den vergangenen Jahren hat die Forschung zunehmend gezeigt, dass Veränderungen im lumbosakralen Bereich weitreichendere Auswirkungen haben können als bisher angenommen. Das Lumbo-Sakrale-Syndrom (LSS®) wurde lange Zeit ausschließlich unter dem Begriff CECS beschrieben.
Dr. Evelyn Kusan hat als Erste den Zusammenhang zwischen dem Lumbo-Sakralen-Syndrom (LSS®) und klinischen Symptomen wie Schmerzen, Bewegungseinschränkungen und auch Verhaltensauffälligkeiten klar herausgearbeitet. Durch ihre Arbeit wurde der Begriff Lumbo Sakrales System und Lumbo Sakrales Syndrom (LSS®) neu definiert und in Fachvorträgen, Seminaren sowie wissenschaftlichen Artikeln fundiert veröffentlicht.
Das Lumbo-Sakrale Syndrom (LSS®) beschreibt dabei ein komplexes Zusammenspiel aus angeborenen Fehlbildungen, funktionellen Störungen und degenerativen Veränderungen, die den gesamten Bewegungsapparat betreffen können.
In diesem Artikel erfahren Sie, was Übergangswirbel sind, welche Folgen sie für betroffene Hunde haben können, was das Lumbo-Sakrale Syndrom (LSS®) ist und warum eine frühzeitige Diagnose für die Gesundheit und Lebensqualität des Hundes von großer Bedeutung ist.
Was ist ein Übergangswirbel?
Die Wirbelsäule des Hundes besteht aus mehreren Abschnitten:
- Halswirbelsäule
- Brustwirbelsäule
- Lendenwirbelsäule
- Kreuzbein (Sakrum)
- Schwanzwirbelsäule
Die Wirbel jedes Wirbelsäulenabschnitts sehen unterschiedlich aus – haben unterschiedliche anatomische Eigenarten, um eine bestimmte Funktion zu erfüllen, zum Beispiel um die gelenkige Verbindung zu den Rippen zu bilden.

Nimmt ein Wirbel, der am Übergang zweier Wirbelsäulenabschnitte liegt, Eigenschaften beider Abschnitte an, spricht man von einem Übergangswirbel. Ein Übergangswirbel oder Schaltwirbel ist eine Fehlbildung, die bei unseren Patienten sehr häufig vorkommt. Übergangswirbel können symmetrisch oder asymmetrisch ausgebildet sein und im lumbosakralen Bereich sogar ein- oder beidseitig mit den Beckenschaufeln kommunizieren oder verwachsen.
Erst seit den letzten Jahren gewinnen Übergangswirbel immer mehr Beachtung. Lange wurde davon ausgegangen, dass sie kein Problem für den Hund darstellten.
Die verschiedenen Typen von Übergangswirbeln
Typ 0 Normale Anatomie ohne Fehlbildung.
Typ 1 Leichte Form mit unvollständiger Verschmelzung des ersten Kreuzwirbels.
Typ 2 Symmetrischer Übergangswirbel mit beidseitig ähnlicher Veränderung.


Typ 3 Asymmetrischer Übergangswirbel mit unterschiedlich ausgeprägten Veränderungen links und rechts. Diese Form gilt als besonders problematisch.

Warum der lumbosakrale Bereich so wichtig ist
Das Kreuzbein, mit der umgebenden Muskulatur, Faszien und Bindegewebe, bildet die zentrale Verbindung zwischen Wirbelsäule und Becken. Gleichzeitig treten hier zahlreiche Nerven der Cauda Equina aus dem Wirbelkanal aus. Diese Nerven innervieren die Muskulatur der Hintergliedmaßen, steuern Harn- und Kotabsatz sowie Sexualreflexe und versorgen die Schwanzmuskulatur. Dadurch ist dieser Bereich biomechanisch und neurologisch extrem sensibel.
Das Rückenmark wird an ein einem Kreuzbein- oder Schwanzwirbel über das Filum Terminale verankert. Angeborene Fehlbildungen können also auch hier zu Übermäßiger Spannung und verminderter Gleitfähigkeit des Rückenmarks führen, wie das Tethered-Cord-Syndrom beschreibt. Leider ist eine derartige Erkrankung nur in einem dynamischen MRT nachweisbar.
Die Iliosakralgelenke (jeweils zwischen Kreuzbein Beckenschaufel) übernehmen eine wichtige stoßdämpfende und ausgleichende Funktion zwischen Becken und Wirbelsäule.
Der Übergang vom 7. Lendenwirbel zum Kreuzbein ist der beweglichste Teil der Wirbelsäule des Hundes. Im Laufe eines Hundelebens wird der lumbosakrale Bereich sehr stark beansprucht. Die gesamte Bewegung aus der Hinterhand wird an dieser Stelle auf die Wirbelsäule und damit auch auf den restlichen Körper übertragen. Eine Fehlbildung oder nicht korrekte Funktion dieses Bereichs hat Auswirkungen auf den gesamten Hundekörper.

Das Lumbo Sakrale Syndrom (LSS®) nach Dr. Evelyn Kusan1
Das Lumbo-Sakrale Syndrom (LSS®) nach Dr. Evelyn Kusan beschreibt einen komplexen Krankheitsprozess im Bereich:
- des 7. Lendenwirbels
- des Kreuzbeins
- der ersten Schwanzwirbel
- der Übergänge zwischen Wirbelsäule und Becken
- dem Übergang zwischen Sakrum und 7 Lendenwirbel (Lumbosakralgelenk) und
- dem Übergang Sakrum und 1. Schwanzwirbel (Sacrococcygeal gelenk)
Dr. Evelyn Kusan definiert das LSS® wie folgt: „Das Lumbo-Sakrale-Syndrom (LSS®) entsteht durch Bewegungseinschränkungen und/oder Schmerzzustände, die durch anatomische bzw. biomechanische Veränderungen im Lumbo-Sakralen-Bereich (L7-S-SW) und dessen Übergängen verursacht werden und die im Verlauf, durch die veränderte Biomechanik des gesamten Bewegungsapparates, zu verschiedensten Folgeerkrankungen der Wirbelsäule, des Beckens, aber auch der Gliedmaßen, führen kann.“
- „Verschiedenste anatomische Konstellationen sind möglich und beeinflussen die Ausprägung und den Verlauf der Erkrankungen.
- Oft enden sie in einer Kompression der Cauda Equina.
- Statische oder biomechanische Veränderungen des Bewegungsapparates, die zum Lumbo-Sakralen-Syndrom führen, können angeboren oder durch Fehlbelastung und Langzeitschonhaltungen erworben sein.
- Es kann bei allen Altersstufen und allen Rassen vorkommen.“
Dr. Evelyn Kusan
Das Krankheitsbild geht weit über die klassische degenerative lumbosakrale Stenose hinaus. Nach aktuellen klinischen Beobachtungen handelt es sich vielmehr um ein dynamisches Zusammenspiel aus:
- angeborenen Fehlbildungen
- angeborener / erworbener Schonhaltungen
- biomechanischen Fehlbelastungen
- Muskel- und Faszienproblemen
- erworbener Dysfunktionen definierter Wirbelsäulenabschnitte
- Nervenirritationen (Neuropathie; Ischalgie)
- Arthrosen
Das erklärt, warum Hunde oft bereits in jungen Jahren subtile Symptome zeigen, lange bevor schwere orthopädische Veränderungen sichtbar werden.
In ihrem Fachartikel: Das „Lumbo Sakrale Syndrom“ beim Hund- ganzheitliche Betrachtung und Früherkennung (September 2025 Thieme) stellt sie ihre Erkenntnisse über die vielfältigen funktionellen Störungen im lumbosakralen Bereich und deren mögliche weitreichende Auswirkungen auf den gesamten Bewegungsapparat und das Verhalten des Patienten dar. Durch die Aufarbeitung Ihrer Krankenakten, Anamnesen, Orthopädischen Untersuchungen, Ganganalysen, Triggerpointdiagnostik, Röntgenbilder, und Behandlungsergebnisse konnte Sie für LSS® typischen Krankheitsverläufe dokumentieren und auch die Früherkennungsmerkmale herausarbeiten.
Typische Symptome bei betroffenen Hunden mit LSS®beginnen bereits im Welpen- oder Junghundealter.
Mögliche Frühzeichen sind:
- steifes Gangbild
- Passgang
- Probleme beim Sitzen
- schiefe Sitzhaltung
- Bewegungsunlust
- Berührungsempfindlichkeit an der Kruppe
- Schwierigkeiten an der Leine
- schnelle Erschöpfung
- Hyperaktivität oder Lethargie
- schlechte Trainierbarkeit
- auffälliges Sozialverhalten gegenüber anderen Hunden
Nach den Beobachtungen von Dr. Kusan werden viele dieser Hunde schon früh als „schwierig“, „unkonzentriert“ oder „aggressiv“ beschrieben – obwohl möglicherweise chronische Schmerzen dahinterstehen.

Cauda-Equina-Syndrom: Eine häufige Folge
Beim Cauda-Equina-Syndrom (CES) werden die Nerven am lumbosakralen Übergang (L7/S1) eingeengt. Überlastung und Instabilität können durch wiederholte Mikrotraumen zu degenerativen Veränderungen wie Bandscheibenvorwölbungen, Spondylose sowie Verdickungen von Bändern und Gelenkkapseln führen. Dadurch verengt sich der Wirbelkanal bzw. das Nervenaustrittsloch und die austretenden Nerven werden komprimiert. Dies verursacht die typischen klinischen Symptome.
Typische Symptome:
- Schmerzen im unteren Rücken
- Schwierigkeiten beim Aufstehen
- Lahmheit
- Hinterhandschwäche
- Probleme beim Springen
- Schmerzreaktionen beim Berühren der Kruppe
- neurologische Ausfälle
Studien der Vetsuisse Fakultät Zürich zeigen, dass Hunde mit Übergangswirbeln deutlich häufiger an CES erkranken als Hunde ohne diese Fehlbildung.
Zusammenhang mit Hüftdysplasie und Fehlbelastungen
Besonders asymmetrische Übergangswirbel können zu:
- Beckenschiefstand
- Verwringung des Beckens
- asymmetrischer Belastung
- Fehlentwicklung der Hüftgelenke
führen.
Dadurch steigt das Risiko für:
- Hüftdysplasie (HD)
- Arthrosen
- Kreuzbandprobleme
- Patellaluxationen
- chronische Fehlhaltungen
Der Körper versucht häufig über Jahre hinweg, Schmerzen und Malfunction im lumbosakralen Bereich zu kompensieren. Die Gewichtsverteilung und Beanspruchung der Gelenke verändert sich. Dadurch entstehen sekundäre Probleme im gesamten Bewegungsapparat.

Sind Übergangswirbel vererbbar?
Die Forschung deutet klar auf eine genetische Komponente hin. Die geschätzte Erblichkeit liegt ähnlich hoch wie bei der Hüftdysplasie – etwa bei 30 %.
Deshalb empfehlen viele Rasseclubs und Zuchtkommissionen:
- Hunde mit Typ 2 oder Typ 3 möglichst nicht zur Zucht einzusetzen
- den lumbosakralen Bereich routinemäßig zu beurteilen
- Nachkommen systematisch zu kontrollieren
Die Schweizer Dysplasiekommissionen erfassen Übergangswirbel mittlerweile standardmäßig im Rahmen offizieller HD-Auswertungen. Das ist sehr wichtig um die das Auftreten von Übergangswirbeln einzudemmen.
Welche Hunde sind besonders betroffen?
Studien zeigen deutliche Unterschiede zwischen den Rassen. Einige Rassen sind besonders häufig betroffen. Darunter sind bei den mittleren und großen Rassen:
- Deutscher Schäferhund
- Grosser Schweizer Sennenhund
- Shar Pei
Beim Shar Pei wurden Übergangswirbel bei fast 20 % der untersuchten Hunde festgestellt.
Aber auch Border Collies und andere Hütehunde, Retriever und Jagdhunde sind häufig betroffen.
In einer Studie von 2024 mit kleinen Hunden (unter 10 kg) wurden bei 127 von 812 Hunden ein lumbosakrale Übergangswirbel festgestellt (15,6 %). Französische Bulldoggen (33,3 %), Schnauzer (33,3 %) und Dackel (25 %) waren häufiger betroffen als anderen Rassen.
In einer weiteren Studie von 2020 mit 1030 Hunden wurde bei 95 (9,2%) Hunden ein lumbosakraler Übergangswirbel festgestellt. Die Prävalenz war höher bei Möpsen (63,6%) und Jack Russel Terrier (27,6%) als bei den anderen Rassen.
Natürlich sind Übergangswirbel nicht nur ein Problem von Rassehunden, sondern können auch bei allen Mischlingen vorkommen. Bei ihnen fehlt leider meist jede Kontrolle auf Erbkrankheiten.

Wie erfolgt die Diagnose?
Die Diagnose wird vom Tierarzt gestellt. Die wichtigste Untersuchungsmethode ist das Röntgen. Zur genauen Abklärung kann in einem zweiten Schritt ein CT oder MRT folgen.
Wichtig dabei:
- korrekte Lagerung
- Beurteilung in mehreren Ebenen
- erfahrene Auswertung
- Berücksichtigung von Gangbild und Verhalten
Bildgebung und tatsächliches Schmerzempfinden stimmen nicht immer überein. Manche Hunde zeigen starke Beschwerden trotz geringer radiologischer Veränderungen – andere wiederum massive Befunde ohne offensichtliche Symptome.
Warum Früherkennung so wichtig ist
Aktuelle klinische Erfahrungen zeigen, dass viele betroffene Hunde bereits im Alter von 1–3 Jahren erste Auffälligkeiten zeigen.
Eine frühe Diagnose könnte helfen:
- chronische Schmerzen zu vermeiden
- sekundäre Gelenkprobleme zu reduzieren
- Fehlbelastungen frühzeitig zu behandeln
- Trainingsprobleme besser zu verstehen
- unnötige Verhaltensprobleme zu verhindern
Gerade bei jungen Hunden mit auffälligem Gangbild oder unerklärlichen Verhaltensänderungen sollte deshalb auch der lumbosakrale Bereich untersucht werden.
Fazit
Übergangswirbel und das Lumbo Sakrale Syndrom (LSS®) sind deutlich komplexer, als lange angenommen wurde. Neue Erkenntnisse zeigen, dass Veränderungen im lumbosakralen Bereich nicht nur Rückenprobleme verursachen können, sondern den gesamten Bewegungsapparat, die Hüftentwicklung und sogar das Verhalten beeinflussen.
Besonders wichtig sind:
- frühzeitige Diagnostik
- frühzeitiger Therapiebeginn
- ganzheitliche Betrachtung des Hundes
- verantwortungsvolle Zucht
- genaue Beobachtung von Gangbild und Verhalten
Das lumbosakrale System verdient deutlich mehr Aufmerksamkeit, um betroffene Hunde früher zu erkennen und langfristige Schäden zu vermeiden. Mit physiotherapeutischen und osteopathischen Maßnahmen können wir betroffene Hunde gut begleiten und Schmerzen und Überlastung entgegenwirken.
Quellen:
- Dr. Evelyn Kusan: Das „Lumbo Sakrale Syndrom“ beim Hund – Ganzheitliche Betrachtung und Früherkennung
- Dr. Evelyn Kusan: Skript: Lumbosakraler Übergang-Übergangswirbel und Sakrumveränderungen…ist HD nur ein Nebenbefund?
- Schweiz. Arch. Tierheilk. © 2009 by Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern. M. Flückiger, U. Geissbühler, J. Lang, Band 151, Heft 3, März 2009, 133–135. DOI 10.1024/0036-7281.151.3.133
- Dysplasie-Kommissionen Bern und Zürich
- Lumbosacral transitional vertebrae in small-breed dogs: Prevalence, classification, and characteristics Uhjin Kim 1 , Jinhwa Chang 2 , Kwangyong Yoon 3 , Byungjin Kim 4 , Jiyoung Ban 5 , Sang-Hwan Hyun 6 , Dongwoo Chang 1 , Namsoon Lee 1
- Prävalenz von lumbosakralen Übergangswirbeln bei Hunden in BerlinH Gong 1 , P Slunsky 1 , L G Klass 1 , L Brunnberg 1
Diesen Blogartikel durfte ich durch freundliche Unterstützung von Dr. Evelyn Kusan veröffentlichen. LSS® ist ein durch die Begründerin Dr. Evelyn Kusan urheberrechtlich geschützter Begriff. Inhalte dürfen nicht ohne ihre Zustimmung übernommen werden.
Bilder:
Die Röntgenbilder wurden freundlicherweise von unseren Kunden für diesen Blogartikel zur Verfügung gestellt und dürfen nicht weitergegeben werden.
- Ihr Fachartikel: Das „Lumbo Sakrale Syndrom“ beim Hund- ganzheitliche Betrachtung und Früherkennung ist im September 2025 bei Thieme erschienen. Dort stellt sie ihre Erkenntnisse über die vielfältigen funktionellen Störungen im lumbosakralen Bereich und deren mögliche weitreichende Auswirkungen auf den gesamten Bewegungsapparat und das Verhalten des Patienten dar.
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